Es ist Dezember, kalt, schattig, die Körper vieler Bundesligaspieler erreichen Grenzen. Mannschaftsärzte und Physiotherapeuten arbeiten am Limit, die Lage ist in jedem Spätherbst ähnlich: Profis und Verantwortliche sehnen sich nach den Weihnachtsferien, nach Urlauben in Dubai oder auf Martinique, nach einer Pause für Muskeln, Gelenke und Köpfe. Vermutlich geht es Xabi Alonso ähnlich.
Aber während mancher Kollege bang auf die leeren Energiespeicher und die schmaler werdenden Kader blickt, hat der Trainer von Bayer Leverkusen Spaß an den Widrigkeiten der Adventszeit. „Es ist eine Herausforderung, zu überlegen, was zu tun ist“, sagt er am Samstag nach dem mühevollen 2:1 gegen den FC St. Pauli, als er auf seinen Umgang mit Formschwächen, mit Verletzten und der zunehmenden Müdigkeit gefragt wird.
Niemand wird diesen Sieg über einen Aufsteiger lange erinnern, viel größer sind der Pokaltriumph beim FC Bayern oder das Spiel gegen Inter Mailand am Dienstag. Selbstverständlich brennt Alonso für solche Anlässe. Aber er liebt eben auch den grauen Alltag des Spiels, das lässt sich gerade schön beobachten. Der 43 Jahre alte Spanier hat schließlich etwas nachzuholen in seiner Ausbildung zum Weltklassetrainer, die er so akribisch und entschlossen absolviert, wie kaum ein Fußball-Lehrer je zuvor.
Die vergangene Saison hatte nämlich etwas Unnatürliches: Alles funktionierte, alles fügte sich wundersam passend zusammen. Das machte Spaß und führte gewiss auch zu mancher Erkenntnis. Aber es handelte sich um einen Ausnahmezustand. Im richtigen Fußballtrainerleben kommt Alonso erst jetzt an. Er muss improvisieren, weil Spieler verletzt sind, Lücken mit Talenten wie den beiden 17 Jahre alten Artem Stepanov und Francis Onyeka füllen.
Er muss mit den Nachlässigkeiten umgehen, die sich nun mal einschleichen, wenn junge Stars den Verführungen ihres rasend schnell gewachsenen Ruhms gegenüberstehen. Andere Trainer würden grollen, Alonso scheint zu denken: Endlich kann ich an den Problemen wachsen, die im Vorjahr fehlten.
Gerade jetzt zeigt sich, was für ein außergewöhnlicher Trainer dieser Baske ist. Die Momente der Schwäche im ersten Saisondrittel haben nie dazu geführt, dass er so etwas wie Enttäuschung ausstrahlte oder gar der Eindruck entstand, er würde sich von seinem Projekt distanzieren, weil er ohnehin bald anderswo coacht.
Nach dem Duell mit St. Pauli – dem fünften Pflichtspielsieg in Serie – hätte es Anlass zu Kritik gegeben, zumindest gemessen an der Makellosigkeit des vergangenen Jahres. Aber Alonso jongliert und moderiert, verwaltet Mängel, bekämpft Unachtsamkeiten. Er hat Interesse an Hindernissen, statt sie zu verfluchen.
Schon lange ist erkennbar, was für ein besonderer Trainer bei Bayer Leverkusen arbeitet. Auch seine Demut und seine Bodenständigkeit sind keine Überraschung. Aber sein geradezu lustvoller Umgang mit dem Unvollkommenen ist ziemlich einzigartig und unterscheidet Alonso auch von einem Perfektionisten wie Pep Guardiola oder von dem zum Fanatismus neigenden Jürgen Klopp.
Sieben Punkte Rückstand sind zwar viel, aber diesem Trainer und seiner Mannschaft ist jederzeit zuzutrauen, dass sie den FC Bayern abermals hinter sich lassen. Diesmal nicht im Rausch, sondern unter den Realbedingungen einer komplizierten Wirklichkeit.