Bundesliga? SSV Ulms Thiele: „Am Standort ist eine Wiederholung immer denkbar“

Bundesliga? SSV Ulms Thiele: „Am Standort ist eine Wiederholung immer denkbar“

Transfermarkt-Interview 

Bundesliga? SSV Ulms Thiele: „Am Standort  ist eine Wiederholung immer denkbar“

©IMAGO

Wer in der Bundesliga-Historie bewandert ist, dem dürfte nicht entgangen sein, dass sich der SSV Ulm 1999/2000 im deutschen Oberhaus versuchen durfte. So schnell wie es damals nach oben ging, rauschten die Spatzen aber auch zurück in die Niederungen des Fußballs. In der Gegenwart sieht die Lage deutlich positiver aus: Seit 2024 wird endlich wieder zweitklassig gekickt. Im Transfermarkt-Interview spricht Geschäftsführer Markus Thiele über das Comeback der Ulmer im Profifußball, die Transferstrategie, Herausforderungen wie die ungeklärte Stadionfrage und den Traum vom zweiten Bundesliga-Abenteuer.

Transfermarkt: Herr Thiele, Sie sind seit Juli 2021 als Geschäftsführer im Amt. Bei Ihrem Einstieg hatte der SSV Ulm seine fünfte Saison in der Regionalliga Südwest als Tabellenvierter abgeschlossen. Seit 2024 zählt der vor Ihrer Zeit bereits dreimal insolvent gegangene Klub wieder zu den 36 besten Teams Deutschlands. Wie haben Sie das hinbekommen?

Markus Thiele: Die Bodenständigkeit und eine offene, ehrliche Art und Weise mit einem guten Klima zum Arbeiten und Weiterentwickeln waren die Grundvoraussetzungen für den Erfolg. Und für mich war das Projekt SSV Ulm immer spannend, weil es sich um einen Traditionsverein mit einer sehr großen Fanbase und Wucht an einem wirtschaftlich starken Standort handelt.

Transfermarkt: Klingt nach einem einfachen Erfolgsmodell.

Thiele: (lacht) Es war wichtig, den Verein zu professionalisieren. Die Monate vor meinem Einstieg als Geschäftsführer konnte ich mir bereits ein Bild machen. Und feststellen, warum es der SSV Ulm womöglich seit Jahren nicht geschafft hat, den Schritt Richtung Profifußball zu gehen. Im Sommer 2021 konnten wir einige Veränderungen vorziehen mit Blick aufs komplette Trainerteam und die Kaderplanung. Wir haben zügig einen hauptverantwortlichen Scout eingestellt und wollten Personen und Spieler integrieren, die bereit sind, sich mit dem Verein zu entwickeln. 

Transfermarkt: Wir haben uns auch in der Community umgehört und ein paar Userfragen gesammelt. „Sciller“ möchte wissen: Inwieweit hat der Durchmarsch von der Regionalliga Südwest in die 2. Bundesliga die wirtschaftlichen Planungen beeinflusst?

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Thiele: Komplett. (lacht) Aufgrund der langen Viertligazugehörigkeit und des verpassten Sprungs zurück in den Profifußball war der SSV Ulm wirtschaftlich nicht gut aufgestellt. Wir mussten die eine oder andere Hürde bewältigen. Gottseidank ist es uns gelungen, neue Gesellschafter zu finden, die ich vom Projekt in einem ruhigen Umfeld überzeugen konnte. Dass wir bis in die 2. Liga durchmarschiert sind, hat alles deutlich erleichtert. Aber es waren extreme Herausforderungen, weil wir gefühlt vor einem Jahr noch ein Regionalligist waren.

Transfermarkt: Im vergangenen Sommer avancierte der bosnische Mittelstürmer Aleksandar Kahvic (21) mit einer Ablösesumme von kolportierten 1,5 Millionen Euro zum deutlich teuersten Neuzugang der Vereinsgeschichte. Was bedeutete dieser Transfer?

Thiele: Die Summe möchte ich nicht kommentieren. Aleksandar Kahvic hat ein hochspannendes Spielerprofil. Wir haben ihn mit einem langfristigen Vertrag (bis 2029; Anm. d. Red.) ausgestattet, weil wir überzeugt sind, dass es ein solches Profil selten gibt und wir ihm Zeit zur Entwicklung geben und ihn Stück für Stück aufbauen wollen. Dass Aleksandar nicht von heute auf morgen der Heilsbringer ist, war uns klar. Fertige Spieler können wir uns nicht leisten. Das muss der Weg des SSV Ulm sein. 2021 haben wir den heutigen Kiel-Stürmer Phil Harres aus Dresden ausgeliehen, um ihm den Schritt vom Profifußball zu ermöglichen. Das sind die Profile, nach denen wir Ausschau halten, um uns behaupten zu können.

Transfermarkt: Bislang scheint der Plan mit Kahvic aber nicht aufzugehen. Auch wegen einer längeren Verletzungspause stand er bislang kaum auf dem Platz. Glauben Sie noch an eine positive Wende?

Thiele: Absolut. Für einen jungen Spieler wie ihn ist es schwierig, in ein fremdes Land mit fremder Sprache zu kommen. Dann verletzt er sich sofort und fällt länger aus. Die Vorbereitung hat ihm gutgetan, er hat sich zurück in den Kader gekämpft. Wir sind überzeugt, dass er seinen Weg bei uns gehen wird. Wichtig ist, dass auch der Spieler daran glaubt.

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SSV Ulm: Spieler aus der Region bleiben Hauptaugenmerk

Transfermarkt: Neben Kahvic wurde unter anderem der kanadische Angreifer Jayden Nelson von Rosenborg verpflichtet. Die Leihe wurde im Winter vorzeitig abgebrochen, weil sich beide Seiten die Zusammenarbeit anders vorgestellt hatten. „godin91“ fragt: Wie kamen diese ungewöhnlichen internationalen Deals überhaupt zustande? Bisher wurden eher regionale Transfers getätigt.

Thiele: Der Fokus liegt nach wie vor darauf, auf Spieler aus der Region oder mit einem süddeutschen Bezug zu setzen. Wie bei Oliver Batista Meier, den wir im Winter geholt haben. Aber wir müssen unseren Fokus erweitern. Der Markt in der 2. Liga ist schwierig für uns, deswegen müssen wir auch mal einen Transfer tätigen, der nicht zu 100 Prozent ins regionale Profil passt, uns aber trotzdem einen Mehrwert bringen kann. Wir wollen es nicht übertreiben, aber werden die eine oder andere Ausnahme machen müssen. Und was Jayden betrifft: Der hat vergangenes Wochenende in der MLS voll eingeschlagen und wird hochgelobt. Manchmal passt es eben nicht, obwohl ein Spieler Qualität hat.

Transfermarkt: Wie sind Sie auf Kahvic und Nelson aufmerksam geworden?

Thiele: Unser Kaderplaner Michael Clemens betreibt viel Scouting, natürlich erhalten wir auch mal einen Tipp. Erkenntnisse aus persönlicher Beobachtung und Videos werden im Anschluss mit Daten abgeglichen, sodass Spieler von uns sauber eingeschätzt werden können.

Transfermarkt: Frage von „godin91“: Eintracht Frankfurts Sportvorstand Markus Krösche verriet jüngst im „Bild“-Podcast „Phrasenmäher“ seine Tricks zur Verpflichtung von Neuzugängen. Neben einem Präsentationsvideo, das Emotionen für den Klub wecken soll, nutzt der Bundesligist Präsentkörbe und verschickt auch mal beflockte Trikots. Was lässt sich der SSV Ulm einfallen?

Thiele: Mit emotionalen Videos habe ich schon als Sportvorstand bei Hansa Rostock gearbeitet. Dank der Größe des Vereins war das natürlich etwas leichter. Für uns in Ulm war es zu Regionalliga-Zeiten nicht möglich, Menschen über die Stadionatmosphäre zu emotionalisieren. Aber wir müssen uns im Süden mit unserem Standort Ulm nicht verstecken. Wir versuchen, Spielern die Stadt und den Verein schmackhaft zu machen und davon zu begeistern. Mithilfe unserer Atmosphäre haben wir 2023 Leo Scienza aus Magdeburg verpflichten können. Er ist zwar schon weitergezogen (zum 1. FC Heidenheim; d. Red.), lebt aber nach wie vor in Ulm, weil es Leo hier einfach gefällt.

Transfermarkt: „Evercore“ weist darauf hin, dass man sich bei Talenten aus der Region in einem hohen Konkurrenzkampf mit Augsburg, Heidenheim und den beiden Stuttgarter Klubs befindet. Wie kann der SSV Ulm unter diesen Bedingungen in Zukunft noch attraktiver für Talente werden?

Thiele: Wichtig bei der Positionierung gegenüber anderen Klubs war, dass wir schon zur Regionalliga-Zeit ein Nachwuchsleistungszentrum installiert haben. Wir möchten auf diesem Level mithalten. Die Ergebnisse sind nicht von heute auf morgen zu sehen, aber die Entwicklung geht in die richtige Richtung. Wir hatten mit Felix Vater und Artur Degraf zwei Spieler aus der eigenen Jugend im Wintertrainingslager dabei, sie trainieren zudem in der Rückrunde regelmäßig mit den Profis. Wir möchten uns perspektivisch durch eine leichtere Durchlässigkeit gegen die Konkurrenz aus der Region durchsetzen können.

Transfermarkt: Im November wurde der Vertrag von Aufstiegstrainer Thomas Wörle bis 2027 verlängert, um für „Ruhe, Kontinuität und Zusammenhalt“ zu sorgen. Welche Bedeutung hat der 43-jährige für den SSV Ulm? Und würden Sie mit ihm auch wieder in die 3. Liga gehen?

Thiele: Der Trainer ist ein sehr wichtiger Baustein. Bei meinem Start 2021 habe ich jemanden gesucht, der bereit ist, einen Verein mit zu entwickeln und die vorhandene Situation anzunehmen. Genau das hat Thomas Wörle bei den Frauen des FC Bayern kontinuierlich nachgewiesen. Als ich mit der Idee, ihn zu verpflichten, damals um die Ecke kam, hat nicht jeder gejubelt. Aber ich war von ihm fachlich wie menschlich total überzeugt und bei den Gesprächen über Spielerverpflichtungen mit ihm auf einer Wellenlänge. In der Regionalliga und 3. Liga war der größte Mehrwert einen fachlich guten Trainer zu bekommen, weil kein Riesenbudget vorhanden war – alle Klubs rühren im gleichen Topf. Es ging deshalb darum, die Mannschaft ganzheitlich weiterzuentwickeln. Das sieht in der 2. Liga ein bisschen anders aus, weil die Etats deutlich differenzierter sind und man sich auch mal einen anderen Spieler leisten kann. Der Einfluss des Trainers ist natürlich immer noch sehr wichtig – aber auf die Weiterentwicklung des Vereins ist nicht mehr ganz so stark wie in der 3. Liga oder Regionalliga.

Transfermarkt: Es wird von Jahr zu Jahr immer mehr von einer sehr ausgeglichenen 2. Liga gesprochen, wo jeder jeden schlagen kann. Wie nehmen Sie die Qualitätsunterschiede wahr?

Thiele: Im Vergleich zur 3. Liga und Regionalliga erleben wir eine ganz andere Hausnummer. Ein Fehler wird in der 2. Liga sofort bestraft. Und wir mussten lernen, dass wir Spiele nicht mehr so dominieren können, weil unsere Möglichkeiten begrenzt sind. Wir machen es vom Engagement her allerdings sehr gut und haben gegen jeden Gegner mithalten können. Wir sind jedes Wochenende in der Lage, zu gewinnen. Ich finde die Liga extrem ausgeglichen, alles ist möglich. Das bestärkt uns im Glauben, am Ende der Saison über dem Strich stehen zu können.

Transfermarkt: „LeChampion41“ möchte wissen, was ein direkter Abstieg für den SSV Ulm bedeuten würde? Heißt: Wie gut wäre man für ein Bestehen in der 3. Liga aufgestellt?

Thiele: Es liegt in meiner Verantwortung, den Verein auch im Fall eines Worst Case stabil aufzustellen. Vor allem wegen der Historie des SSV Ulm vor meiner Zeit. (schmunzelt) Es geht für uns darum, Vertrauen in der Region, bei unseren Fans und den Sponsoren aufzubauen. Es war uns wichtig, alle Lizenzierungen für die 3. und 2. Liga ohne wirtschaftliche Auflagen zu erhalten. Es wäre fahrlässig, nach einem Durchmarsch nicht an die 3. Liga zu denken. Das ist die entscheidende Basis für Gespräche mit Spielern und das Vorantreiben der Kaderplanung. Solange wir nicht wissen, in welcher Liga es weitergeht, ist die Planung allerdings schwierig. Aber wir versuchen, unser Grundgerüst für die Zukunft auszurichten und eine funktionierende Achse sowohl für die 2. als auch für die 3. Liga zu finden. Mit diesem Thema möchte ich mich öffentlich jedoch auch nicht zu intensiv beschäftigen. Wir wollen die Liga halten – davon sind wir klar überzeugt.

Stadionfrage beim SSV Ulm: Thiele über den schwierigen Status Quo

Transfermarkt: „Sciller“ fragt: Wie sieht Ihre mittel- bis langfristige Vision für den Verein aus?

Thiele: Im Kopf gibt es die. (lacht) Es ging schneller voran, als wir alle gedacht haben. Ich bin überzeugt, dass wir den SSV Ulm nachhaltig im Profifußball etablieren können. Auf dem Weg haben wir aber noch einige Hürden zu nehmen, was die Weiterentwicklung des Stadions und der Infrastruktur angeht. Zudem müssen wir den Kader so aufstellen, dass wir weiterhin Transfererlöse generieren können. Ich glaube allerdings auch, dass wir in Ulm noch sehr viele Möglichkeiten und einen langen gemeinsamen Weg vor uns haben, wenn alle in die gleiche Richtung laufen und die Voraussetzungen stimmen.

Transfermarkt: Passende Frage dazu von „Evercore“: Der SSV Ulm spielt im Donaustadion (17.400 Plätze), das auf Dauer nicht den Anforderungen des Profifußballs entspricht. Die Fußballer präferieren eine reine Fußball-Arena, die Leichtathleten ein Stadion für den Breitensport. Bis zum März will der Gemeinderat eine Antwort präsentieren. Wie groß sind Ihre Sorgen vor einer Kompromisslösung?

Thiele: Wir sind in Gesprächen, auch wenn der Start etwas holprig war. Fakt ist aber auch: Wir werden um eine reine Fußball-Arena nicht herumkommen. Und wenn es mit dem Donaustadion nicht klappt, können wir keine zehn, zwölf Jahre warten, bis irgendwo mit einem Bau begonnen wird. Nur mit einer reinen Fußball-Arena haben wir eine Chance, uns im Profifußball zu etablieren.

Das Donaustadion in Ulm bietet Platz für 17.400 Zuschauer

Das Donaustadion in Ulm bietet Platz für 17.400 Zuschauer

Transfermarkt: Uns ist zu Ohren gekommen, dass Sie auch prüfen, Ulm zu verlassen, um die Heimspiele in Aalen oder Augsburg zu bestreiten.

Thiele: Dazu kann ich im Moment noch nichts sagen. Aber klar ist auch: Ich bin in der Verantwortung, die beste Lösung für unseren Verein zu finden. Und wenn es um unser Überleben geht, bin ich in der Pflicht, alle Optionen zu prüfen.    

Transfermarkt: Andere Vereine spüren den Rückhalt ihrer Stadt. Wie ist es in Ulm?

Thiele: Natürlich wünschen wir uns eine Unterstützung wie in Münster, Osnabrück oder Oldenburg, wo man in der Regionalliga ein Stadion gebaut hat. Wegen der Vergangenheit mussten wir Vertrauen zurückerlangen. Es herrschte Angst bei der Frage, was passiert, wenn wir in den Profifußball zurückkehren. Kommt dann wieder das gleiche Chaos? Ich glaube aber, es ist uns gelungen zu unterstreichen, dass wir seriös und bodenständig arbeiten. Und eine neue Studie zeigt, dass unser Verein fast 70 Millionen Euro Wertschöpfung pro Jahr für die Stadt generiert. Es ist also ein Geben und Nehmen.  

Transfermarkt: 1999/2000 erlebte der SSV Ulm seine bislang einzige Bundesliga-Saison. Wird diese Spielzeit etwas Einmaliges in der Historie des Klubs bleiben oder ist Träumen zumindest erlaubt? 

Thiele: Am Standort Ulm mit seinem Potenzial ist eine Wiederholung immer denkbar. Diese sollte allerdings nicht so ausgehen wie beim letzten Mal (mit sportlichem Absturz und Insolvenzen; d. Red.). Deswegen ist es uns wichtig, dass wir uns Schritt für Schritt entwickeln. Wir sagen nicht, dass wir so schnell wie möglich in die Bundesliga wollen. Wir sind froh, dass wir nach langer Zeit wieder in der 2. Liga sind, und müssen unsere Hausaufgaben machen. 

Transfermarkt: Und wie sieht es mit Ihrer eigenen Zukunft aus? Vergangenen Sommer gab es Interesse vom 1. FC Nürnberg.

Thiele: (lacht) … aber ich bin noch in Ulm, oder? Und derzeit denke ich an nichts anderes als unseren Verein. Da habe ich alle Hände voll zu tun.    

Interview: Philipp Marquardt

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